Turandot ist Turandot ist Turandot ist Turandot

Folge 2 – Wenn sich sieben Dramaturg*innen um Turandot drehen – Hier klicken

„Turandot quält mich“  – Folge 1

„Dein Gesicht muss hart sein, aber nichts ist härter als die Rätsel von Turandot.“ (Probenzitat Maximilian Eisenacher)

Wie spricht man den Namen eigentlich aus? Eher weich französisch: Turando…? Oder wirklich hart: TuranDOT? Als wir, fünf gerade neuimmatrikulierte Dramaturgiestudierende, im Oktober 2016 in die erste Seminarsitzung zum Projekt „Turandot.Kommentar“ gingen, waren es noch simple Fragen wie diese, die wir für uns einfach klärten. Die Fragen wurden schnell komplexer, sehr schnell, denn als wir die ersten Versionen rund um den Turandot-Stoff gelesen hatten, Friedrich Schiller, Carlo Gozzi, Bertolt Brecht, war eine der ersten Fragen beim nächsten Treffen, ob es diese Turandot, selbst wenn sie in all den Texten als literarische Figur auftritt, überhaupt gibt, ob Turandot nicht eigentlich eine Unmöglichkeit ist. Na, guter Anfang…ungewöhnlicher Anfang: Die Titelfigur in Frage stellen. Und diese Frage um die Titelfigur stellen wir uns auch heute noch. Heute, wo wir in die dritte Probenwoche des Projekts starten.

Ich denke Stunde für Stunde, Minute für Minute an „Turandot“, und alles, was ich bisher schrieb, meine ganze Musik scheint mir nur ein Scherz zu sein und gefällt mir nicht mehr. Ob das ein gutes Zeichen ist? Ich glaube ja. (Puccini)

Die Idee: Man kann zum Beispiel Friedrich Schillers Stück Turandot lesen, dann interpretieren und sich ein Bild, ein Bild, von dieser Turandot zurechtlegen. Man kann auch in die Oper gehen und Turandot sehen und ihren Gesang hören. Giacomo Puccini versucht, ihre Psyche zu sezieren. Aber da fängt der Knackpunkt an: Puccini konnte seine Oper nicht vollenden und so bleibt auch seine Turandot Fragment. Sein Fragment hat ein Happy End: Die Prinzessin entdeckt ihre Liebe zum zuerst verhassten Werber Kalaf. Aber ist dieses „Happy End“ wirklich ein „gutes“ Ende? Es zwackt, es beißt merkwürdig, dieses Ende. Turandot, die blendend Schöne, die Unantastbare, gibt es gar nicht, sie ist nur Wunschdenken – diese Sätze schwirren durch die Geschichten rund um sie. Was passiert also, wenn man genau diese berstende Fülle an Perspektiven auf Turandot zum Thema macht, und den Stoff nicht als Schauspiel Schillers oder Oper Puccinis aufführt, sondern heutige Blickwinkel, Deutungen und Visionen von vielen Abteilungen der Musik- und Theaterhochschule an einem Abend gegenüberstellt, verschränkt, sich reiben lässt?

Schöner noch,
Unendlichmal, als dieses Bildnis zeigt
Ist Turandot, sie selbst! Nie hat die Kunst
Des Pinsels ihren ganzen Reiz erreicht.

(Friedrich Schiller: Turandot)

6. März 2017, 9 Uhr, ein Probensaal in der Hochschule. Konzeptionsprobe! Einige Monate sind vergangen, jede Abteilung hat an ihren Beiträgen zu dem Projekt gefeilt. Die Textfassungen sind noch warm vom Kopierer. Die Materialmappen noch nicht gelocht. (Aber reich gefüllt!) Ein kurzer Rückblick: vor ein paar Wochen, da haben wir noch Dramen und Märchen mit dem selbstbewussten Namen „Turandot“ (Titel, die also etwas Unbeschreibbares überschreiben?) durchpflügt und Motivlisten wie diese erstellt, immer im Versuch, etwas über Turandot, Tu-ran-dot, zu formulieren, obwohl sich das, was ja gerade das Spannende ist, wie sehr feiner Sand anfühlt:

Material.jpg

Das Destillat ist die Textfassung, die beim Konzeptionsgespräch zum ersten Mal eine Stimme bekommt. Die Sänger und Schauspieler lesen sie laut, noch ungefärbt – langsame Annäherungen. Und immer wieder die Frage: Wer ist Turandot? Wie wird ein Stück über diese Frage aussehen? Die nächsten Wochen werden es zeigen. Schon am nächsten Tag heben die Sänger zu den ersten Tönen der Neukompositionen im selben Probenraum an. Erste Erkenntnis: Turandot existiert. Durch Musik!

„Turandot quält mich“ – hat Puccini geschrieben. Was macht sie heute mit uns? Das wollen wir in den nächsten Wochen erkunden und reflektieren. „Turandot quält mich“ – unter diesem Motto, zwischen Augenzwinkern und immer wieder leicht verblüfftem Nicken vor dieser schillernden Figur, formulieren wir an dieser Stelle regelmäßig Gedanken und geben Einblicke auf die Probebühne. Ganz nah, Schritt für Schritt.

Truffaldin: Es war nicht anders hier als wie ein großes

Wirtshaus von Prinzen und von Abenteurern,

Die um die reiche Kaisertochter freiten,

Denn auch der Schlechteste dünkt sich gut genug,

Die Hände nach der Schönsten auszustrecken.

Es war wie eine Freikomödie,

Wo Alles kommt, bis meine Königin

Auf den scharmanten Einfall kam, das Haus

In vierundzwanzig Stunden rein zu machen.

(Friedrich Schiller: Turandot)

Christian Stolz

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