„Ein neues Adjektiv schaffen: turandotisch“

Etwas Exotisches soll ihre Musik für Turandot haben, sagt Fojan Gharibnejad, schon kurz nachdem sie fürs Interview Platz genommen hat. Und erklärt, warum persische Zuhörer keinen Vorteil gegenüber anderen Zuschauern haben, obwohl ihre Komposition persische Textanklänge hat. Die Uraufführung von „Das Ich und das Es“ der 21-jährigen Bachelor-Kompositionsstudentin ist bei „Turandot.Kommentar“ zu hören und zu erleben.

Christian: Turandot… Welches ist Dein erster Gedanke?

Fojan: ‚Die Tochter der Schattenländer‘. Das ist ja auch auf persisch so. Das ist mein erster Gedanke.

C: Auf persisch in einem Märchen?

F: In der persischen Mythologie.

C: Also ‚Die Tochter der Länder‘?

F: Ja, der Länder, die fremd sind.

C: Die Figur Turandot – wir fragen uns ja alle, wer das überhaupt ist. Wer ist Turandot?

F: Turandot ist Turandot (lacht) Ich kann sie nicht beschreiben… Turandot ist Turandot.

C: Was reizt daran, sich heute, nach einer langen Stoffgeschichte, mit der Turandot auseinanderzusetzen? Was ist das spannende?

F: Die Gelegenheit, die Chance überhaupt besteht nur darin, dass man sich mit den Hintergedanken oder der Resonanz beziehungsweise dem Nachklang der Musik von Puccini auseinandersetzt. Musikalisch wieder neu zu denken, das ist ein bisschen chancenlos, meiner Ansicht nach.

C: Hat Dich die Oper von Puccini beschäftigt bei Deiner Komposition?

F: Nicht bei der Komposition, denn zu Puccinis Turandot wurde ein Happy End hinzugefügt und das mag ich nicht so (lacht). Ich bevorzuge einen offenen Schluss, wenn man nicht weiß, was passiert, mit der Frage: Wer ist eigentlich diese Turandot? Deshalb habe ich mich mit Nizami auseinandergesetzt, wobei bei ihm der Name Turandot überhaupt nicht auftaucht. Das fand ich auch hochinteressant, für so eine fremde Figur, eine Frau, die klug ist und sich zugleich bekämpft, aber weshalb, weiß man nicht.

C: Würdest Du sagen, dass Du in Deinem Stück etwas über Turandot erzählst in irgendeiner Weise, also hat es eine ‚Geschichte‘ oder ist es eher etwas Abstrakt-Losgelöstes davon?

F: Es ist tatsächlich abstrakt. Ich habe zwei Frauenfiguren als Hauptfiguren in meinem Stück verwendet, eine Schauspielerin und eine Sängerin, die sich in einer Gegensatzposition befinden. Mein Stück ist keine Geschichte, sondern eine abstrakte Musik um abstrakte Figuren, die zeitlos sind. Ein abstrakter Raum, der sich auf keine Uhrzeit bezieht.

C: Was bedeutet das musikalisch?

F: Es kommt manchmal bei mir vor, dass dieser abstrakte Raum aus Punkten besteht, und man muss sich konzentrieren, wohin sich diese Punkte bewegen. Dann kann man das Bild, das auch so ein verschwommenes Bild ist, erkennen.

C: Kannst Du einen Eindruck von der Grundstruktur Deiner Komposition geben? Wie ist sie angelegt?

F: Es muss etwas Exotisches sein, diese Musik. Meine Musik hat auf keinen Fall Anklänge an Puccini. Ich versuche, die Worte von Nizamis Text fragmentarisch zu benutzen und eine andere Ebene damit aufzubauen, ich bin nicht die Dienerin des Textes. Mir ist bewusst, dass in der Black Box niemand versteht, was da gesungen wird, denn es ist ja auf persisch, aber ich habe schon extra versucht, dieses Persisch nicht ursprünglich und original zu benutzen, sondern auch fragmentarisch. Also auch wenn ein Perser als Zuschauer da ist, kann er das nicht begreifen.

Bei mir ist das allerwichtigste bei einigen Kompositionen, nicht nur bei dieser Komposition, dass die Zuschauer oder Zuhörer sich verloren fühlen. Ganz verloren.

C: Was macht das für eine Ebene auf, wenn persisch auch noch fragmentiert gesprochen wird?

F: Das hat mit dieser Figur Turandot zutun, was unbekannt ist von ihr.

C: Was für Instrumente sind zu hören bei Dir?

F: Klavier, Bass-Klarinette, Geige, eine Sängerin, eine Schauspielerin.

C: Und wie lange hast Du daran komponiert?

F: Ich musste immer wieder in der Literatur nachschlagen, alles vorbereiten, aber die Komposition selbst hat vielleicht anderthalb Monate gedauert.

C: Hast Du in der Stoffgeschichte Deine ‚Lieblinge‘ gehabt, die Dich besonders interessiert haben?

F: Deshalb habe ich Nizami genommen. Dort ist die einzige Stelle, an der Kalaf sagt, „Diesem Blutvergießen muss ein Ende gemacht werden.“

C: Auf der Probe war zu hören, dass viel mit Klanglichkeit von der reinen Stimme aus gearbeitet wird…

F: Die Sängerin und die Schauspielerin sind tatsächlich eine Figur, eine gespaltene Figur. Deshalb versuchen sie, sich zu versöhnen, aber das klappt eben nicht, weil die Sängerin himmlisch singt. Die Schauspielerin jedoch hat geräuschhafte Texte und stellt Dissonanz zu dem her, was gesungen wird.

C: Als Du das leere Blatt Papier vor Dir und diesen ganzen Turandot-Stoff hinter Dir hattest, wie ist es zu diesen Klangebenen gekommen?

F: Turandot ruft bei mir sofort eine bestimmte Assoziation hervor. Ich konnte mir nicht vorstellen, eine Gesangsstimme für einen Mann zu komponieren, also keinen Sopran. Das ist sehr interessant, wenn man diese Assoziation hat mit einer Frauenstimme, dann kommen die Klänge. Auf diese Klänge bin ich gekommen, weil ich mir vor allem eine Frau, die leidet, vorstellen konnte. Ich spiele mit diesen Worten: „mard“ ist „Mann“ auf persisch und „dard“ „Schmerz“. Die bauen sich auf, ich muss nicht wirklich kämpfen, um diese Klangebene zu verarbeiten.

C: In Bezug auf den Schmerz und das Happy End bei Puccini: Du siehst also eher auch eine Abgründigkeit bei Turandot?

F: Dieser Schmerz bezieht sich nicht nur auf Turandot, sondern versinnbildlicht ‚die Menschen‘, die alles über sich ergehen lassen müssen.

C: Wüsstest Du eine Person, wer Turandot heute sein könnte? Kann man sie überhaupt mit irgendjemandem begreifen?

F: Ja, das kann ich sein, das kannst Du sein, das kann jeder sein. Ich habe die Poster zu „Turandot.Kommentar“ gesehen, es gibt dort eine transparente Maske und es ist ja so, wir haben alle eine Maske. Wir kennen uns vielleicht einigermaßen, aber nicht so richtig. Das ist auch diese Figur, der Mensch, der immer etwas verstecken muss. Es versammeln sich diese grausamen Gefühle und die Turandot zeigt und stellt alle diese verborgene Gefühle dar.

C: Das ganze Projekt ist ja eine Verbindung von Musik und Szenischem. Ist das denn ein Unterschied, wenn man sich an die Komposition setzt, wenn man weiß, das szenisch viel passiert oder es ein rein musikalischer Abend ist?

F: Bei dieser Musik nicht, weil bei Turandot sofort in Deinen Kopf kommt: Okay, das ist Puccini – große Inszenierungen. Automatisch denkt man dann, ich brauche auch so eine Inszenierung, und auch wenn es da keine Schauspieler gibt, mache ich etwas mit den Musikern. Es gab also keine Schwierigkeiten.

C: Denkt man dann dieses Szenische also schon viel mehr mit von Anfang an?

F: Das ist die Frage. Manchmal denken Musiker, sie sind nur Musiker, aber das stimmt ja nicht: Sie stehen auf der Bühne und die Zuhörer sind parallel dazu auch Zuschauer. Automatisch muss es da eine Inszenierung geben.

C: Wenn Du Deine Komposition jetzt ‚in die Arena wirfst‘, ist man ein bisschen nervös, wenn es nun an die Proben geht?

F: Ich bin gespannt. Nicht nervös oder entspannt, sondern gespannt, wie es am Tag der Aufführung intoniert wird.

C: Meine letzte, wie schon beim ersten Interview mit Kilian halb ernst gemeinte Frage: Wir haben jetzt sehr lange überlegt in der Dramaturgie, wer diese Turandot ist. Zwei Begriffe: Furie oder Freiheitsverfechterin. (Lachen) Was ist Turandot eher? Und: Liebt Turandot?

F: Turandot ist keine dieser Begriffe. Ich glaube, es muss ein neues Adjektiv geschaffen werden: turandotisch. (Lachen)

Rückblick: Zum Interview mit Kilian Verburg – Hier klicken

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