„Über den Tellerrand hinausschauen“

Im Stück „Turandot.Kommentar“ spielt die Jazzband neben ihren drei Eigenkompositionen auch in der Komposition von Kilian Verburg „work-life-balance #1: dialoge“ mit. Bei einer Apfelschorle sprechen wir über Probendiplomatie, Spielewiesen und darüber, ob Papier zerknüllen einen musikalischen Reiz hat – Die Jazzband (Bertram Burkert, Volker Heuken, Andris Meinig, Philippos Thönes, Jonas Timm) im Gespräch mit Nina Wiener und Josephine Tietze.

Nina Der Themenkomplex Turandot wurde vielfach behandelt. Wie war Euer Zugang, wie seid Ihr vorgegangen?

Jonas Wir haben uns von der Oper Puccinis inspirieren lassen. Zuerst haben wir mit der Dramaturgie Stellen der Geschichte herausgesucht, die uns interessierten. Da gab es noch unterschiedliche Ideen im Raum, das war auch eine wahnsinnige Herausforderung, denn eigentlich war alles offen. Wir hatten auch Zweifel, ob wir der Sache gerecht werden können.

Nina Da stand der Rahmen der Inszenierung ja auch noch gar nicht, es gab nur die Idee, dass wir uns alle mit Turandot beschäftigen.

Jonas Genau. Und dann hatten wir Probe und Professor Michael Wollny hat mich zurückgepfiffen und gesagt: Pass mal auf, ist doch super, Spielewiese! Wir können alles machen. Herauskristallisiert hat sich dann, dass Bertram die Turandot-Arie als Ausgangspunkt nimmt, Volker die Jasminblütenmelodie, die ja eine traditionelle chinesische Melodie ist, und ich das Vorspiel von »Nessun Dorma«.

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Josephine Es heißt ja nicht umsonst „Turandot.Kommentar“, weil einfach jeder kommentieren darf, und deswegen ist auch der Spielraum unendlich groß. Jonas, was ist auf Deiner Spielewiese denn entstanden? Was hat Dich zu „Nessun Dorma Prélude“ inspiriert?

Jonas Es ist insgesamt ein bisschen mehr ‚obvious‘ als ihr denkt, die ganzen Kompositionen, die wir gemacht haben. Ich habe mich von den zwei Modi leiten lassen, die im Nessun Dorma vorkommen. Das sind zwei Sieben-Ton-Räume, die Puccini benutzt, und an denen habe ich mich orientiert und geschaut, wie man das umschichten, ummodeln kann, wie man unterschiedliche Basstöne dafür findet. Die erste Hälfte ist komplett selbst komponiert, ohne Inspiration oder nur mit einer sehr intuitiven, passiven Inspiration, und in der zweiten Hälfte ist eine Variation der Chor-Melodie, die ich mit dem ersten Teil verbunden habe.

Nina Habt Ihr schon mal klassische Stücke für Jazzkompositionen benutzt? Ist das eine gängige Arbeitsweise im Jazz?

Jonas Ja, das tritt vermehrt auf, glaube ich. Man beschäftigt sich automatisch in seinem Studium mit klassischer Musik, und sowas zu bearbeiten und da draus Spots für Improvisation zu machen gehört schon klar dazu. Das habe ich auch schon öfters gemacht, allerdings noch nie mit einer so großen Band und in so einem Rahmen.

Andris Das war eigentlich ein Seminar, das wir bei Professor Wollny wählen konnten. Die Idee war, von Puccini-Themen inspirierte Kompositionen zu erstellen, die in Gruppenarbeit weiter entwickelt und poliert werden. Auf jeden Fall war das die Zielsetzung, und bisher ist die ja prächtig gelungen! (lacht)

Nina Wie funktioniert denn überhaupt eine Jazz-Komposition? Bei Klassik wird ja wirklich alles minutiös aufgeschrieben, wie viel wird bei Euch festgelegt?

Andris Es gibt auf jeden Fall Unterschiede, je nach dem, wie viel Freiraum man lassen will. Das ist ja eine der tollen Sachen, die man im Jazz machen kann. Zum Beispiel kann man sagen, man legt die harmonische Farbe, die Form und ein Thema fest, und entwickelt den Rest in Bandarbeit. Bei komplexen Kompositionen kann es aber auch mehrere Teile geben, die wirklich bis ins Detail ausgeschrieben sind. Bei den Turandot-Kompositionen zum Beispiel war keine Schlagzeugstimme ausgeschrieben. Da war eine grobe Idee, die Form gegeben, und der Rest war ziemlich frei.

Nina Philippos, unterdessen spielst Du die Stücke aber schon immer ähnlich?

Philippos Das schon. Manche Stellen haben wir zusammen festgelegt – und die kommen dann so. Und an den Stellen, an denen ich theoretisch frei bin, da hat es sich auch schon etwas eingependelt, wo’s hingeht.

Nina Und wie ist es für Dich, die Komposition von Kilian Verburg zu spielen? Hast Du so etwas schon einmal gemacht?

Philippos So etwas habe ich noch nie gemacht, nein. Es ist interessant. Vor allen Dingen, weil ich sowas eigentlich sehr selten spiele…

Nina Wirst Du gewisser Klänge dadurch bewusster? Mich fasziniert ja an dieser Komposition der bewusste Umgang mit kleinteiligen Klängen und deren Zusammenspiel.

Philippos Ja, auf jeden Fall, es ist ja auch sehr genau aufgeschrieben. Und wir versuchen es genau so umzusetzen, wie es da steht. Kilian hat ja auch eine genaue Vorstellung, so will er das Stück auch hören.

Josephine Was Ihr sonst nicht so oft macht – im Unterschied zu solchen neuen Kompositionen – ist Sprechen oder Papier zerknüllen beim Spielen. Ist das für Euch interessant, hat das auch einen musikalischen Reiz?

Jonas Auf jeden Fall. Fakt ist, dass – egal wie man das selbst bewertet – wenn in der Partitur steht, dass man Papier zerknüllen soll genau nach der Frauenstimme, dann muss man es – zumindest live – mit der maximalen Ernsthaftigkeit und Exaktheit machen. Wenn ich von Anfang an sagen würde, das sei jetzt witzig, was da passiert, dann gebe ich dem Stück ja gar keine Chance.

Nina Ist die Probenarbeit in so einem szenisch-musikalischen Projekt für Euch ungewohnt?

Bertram Es ist schon besonders, dass einer vorne steht und sagt: »Du musst das so und so spielen«, oder »Ich stell mir das so und so vor«. Das muss man dann einfach einhalten, auch wenn vielleicht an gewissen Stellen der Geschmack ein anderer wäre. In der Band formulieren wir eher Vorschläge, wie »Probier doch mal das aus« oder »Bist du sicher, dass das gerade so cool ist?«

Nina Also seid Ihr diplomatischer im Umgang miteinander?

Bertram Mit einem Dirigenten ist es schon anders, denn wenn er etwas sagt, und er formuliert es nicht wie eine Frage – was ja vorkommt -, muss man es auch einhalten. Das ist schon krass, vor allem wenn man vielleicht an gewissen Stellen einen anderen Geschmack hätte.

Nina Willst Du vielleicht auch noch kurz über Dein Stück erzählen, Bertram?

Bertram Eigentlich wollte ich etwas machen, was mit Liù zu tun hat, alles andere schien mir zu plakativ, und Liù hat mich in dem Moment bewegt. Aber dann gab es den Wunsch der Dramaturgie, dass die Gitarre Turandot verkörpern soll. Und so habe ich ihre Arie aufgegriffen. In mein Stück fließen harmonische Besonderheiten aus der ganzen Puccini-Oper mit ein. Liù ist dabei ein bisschen gestorben.


Nina Auffällig in der Puccini-Oper sind die wiederkehrenden pentatonischen Melodien. War der Umgang damit auch ein Thema für Euch?

Volker Der Jasminchor, der mein Stück inspiriert hat, besteht aus so einer pentatonischen Melodie. Die habe ich dann gekürzt und diese Klangfolge reharmonisiert. Das spannende bei der Pentatonik ist, dass sie eigentlich keine Reibung kennt, die härter als eine große Sekunde ist. Und je nach Har- monie, die daruntergelegt wird, erhält die Melodie eine andere Bedeutung.

Josephine Wie ist es denn für Euch, in einem Projekt mitzumachen, in dem so viele unterschiedliche Fachrichtungen vertreten sind?

Jonas Ich hätte nicht gedacht, dass das Ensemble so homogen funktioniert. Aber es ist irgendwie doch eine sehr nette Arbeitsatmosphäre, nach der ersten Probe dachte ich so: Hey, macht ja Spaß!

Bertram Darauf habe ich, ehrlich gesagt, gehofft…

Jonas Natürlich. Was ich der Dramaturgie auf jeden Fall hoch anrechne, ist, dass das Projekt wirklich bestimmte Leute zusammenbringt, die sonst einfach nicht zusammen rumgehangen hätten.

Nina Man hat vielleicht auch schnell Vorbehalte, ob das funktionieren könnte…

Bertram Die hatte ich auf jeden Fall nicht. Eher gibt es sonst nicht so viele Gründe, sich zu begegnen. Und dafür ist dieses Projekt total wertvoll.

Jonas Uns ging’s auf jeden Fall nicht um die Credits sondern darum, an diesem Projekt teilzunehmen.

Josephine Würdet ihr Euch mehr solcher fachübergreifender Projekte wünschen?

Jonas Mir war von Anfang an klar, dass dieses Projekt fruchtbar ist und wird. Das tut jeder Art von Kunstgattung gut, voll über den Tellerrand hinauszuschauen, und auch mal zu versuchen, etwas anderes zu machen!

Rückblick: Zum Interview mit Kilian Verburg – Hier klicken

Und zum Interview mit Fojan Gharibnejad – Hier!

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