»Irgendwie bleibt sie immer auch ein Rätsel«

 

Bei »Turandot.Kommentar« haben sie gemeinsam die Regie und Dramaturgie übernommen, mit dem Stoff um die eigensinnige Prinzessin beschäftigen sie sich aber schon seit mehr als zwei Jahren: Die Dramaturgiestudenten Maximilian Eisenacher und Maximilian Enderle im Gespräch mit Lisa Ahrens.

Lisa Was war der Ausgangspunkt dieses Projekts, was fasziniert Euch am Turandot-Stoff?

Max Enderle Wir hatten vor ungefähr zwei Jahren in Vorbereitung auf dieses Projekt ein Seminar bei Frau Professor Elzenheimer über Turandot, da habe ich den Stoff recht intensiv kennengelernt. Es gibt verschiedene Dinge, die faszinieren, zum einen ist das natürlich die Figur Turandot, die ungreifbar ist und bleibt. Man versteht immer mehr, je mehr man sich mit dem Stoff beschäftigt, aber irgendwie bleibt sie immer auch ein Rätsel.

Max Eisenacher Ich kannte die Oper zum Zeitpunkt des Seminars schon, mochte sie aber erst nicht sonderlich. Turandot fand ich immer zu brachial, mit dieser ganzen Wucht konnte ich nichts anfangen. Im Seminar musste ich mich nun zwangsläufig damit auseinandersetzen und bin darüber sehr schnell bei der Stoffgeschichte gelandet. Es hat mich sehr fasziniert, wie jede Zeit und ihre Autoren sich den Stoff zu Eigen gemacht haben; wenn dann eben ein frauenfeindlicher Konservativer im 17. Jahrhundert meint, er müsse ein Lehrstück gegen die Emanzipation der Frau daraus machen. Oder was es mit dem Stoff macht, wenn Friedrich Schiller seinen typischen Heldinnen-Gestus darin verarbeitet.

Lisa Das Projekt trägt den Titel »Turandot.Kommentar«. Das ist ja eine bestimmte Setzung, die der Arbeit damit auf den Weg gegeben wurde.

Max Eisenacher Der Titel bezieht sich zum Teil auf die eben erwähnte Stoffgeschichte. Jede neue Deutung des Stoffes ist auch wieder ein Kommentar zu den vorherigen Stoffen. Die Märchennovelle von de la Croix ist ein Kommentar zu dem Nizami-Urmärchen, die Commedia von Gozzi ist ein Kommentar zu de la Croix, das Drama von Schiller ist ein Kommentar zu Gozzi, Puccinis Oper ist ein Kommentar zu Schiller und so weiter. Diesen Kommentargedanken haben wir versucht, in der Fassung zu berücksichtigen.

Max Enderle Wir haben dabei mit verschiedenen Methoden gearbeitet: Am Anfang steht sehr präsent die Märchenerzählung, um einen Einstieg in die Geschichte zu ermöglichen. Diese wird aber immer wieder von Zuschreibungen unterbrochen, die aus verschiedenen Stoffquellen zu Turandot stammen. Dadurch arbeiten wir gegen den Gedanken, dass es ein eindeutiges oder einzig wahres Bild von Turandot gibt. Indem man auf eine bestimmte Quelle zurückgreift, baut man vielleicht ein bestimmtes Bild von Turandot auf, dem können jedoch auch zehn andere gegenübergestellt werden. Formen zu schaffen, durch die diese verschiedenen Ansätze und Deutungen aufeinandertreffen, war ein wichtiger Punkt, um so etwas wie einen Kommentar stattfinden zu lassen.

Lisa »Turandot.Kommentar« vereint mehrere Fachrichtungen und ist eines der ersten interdisziplinären Projekte dieser Art an der HMT. Wen habt ihr Euch mit ins Boot geholt?

Max Enderle Beginnen wir mit dem Kern: Neben zwei Schauspielerinnen und einem Schauspieler agieren auf der Bühne drei klassische Sänger und eine Sängerin, die klavierbegleitet Teile aus der Oper von Puccini singen. Außerdem war relativ früh klar, dass es Neukompositionen geben wird: Diese stammen von Fojan Gharibnejad, von Jan Friedrich Ramb sowie von Kilian Verburg. Die Komponist*innen waren von Anfang an sehr frei darin, wie ihr Kommentar aussehen könnte: Ob sie sich zum Beispiel auf eine Stoffquelle beziehen oder ob sie sich von der Musik von Puccini inspirieren lassen wollen.

Max Eisenacher Die Jazzmusiker waren ein weiterer sehr wichtiger Baustein, wobei wir in Professor Michael Wollny einen tollen Partner gefunden haben, der hier an der HMT die Professur für Jazzpiano innehat. Mit seiner Ensembleklasse sind in einem ähnlich freien Umgang drei weitere sehr spannende Stücke entstanden, die von Puccini inspiriert sind. Auch hier hat die Kooperation also gefruchtet. Mit den Sänger*innen und Schauspieler*innen haben wir wiederum ganz anders gearbeitet: Die waren ja keine bereits gesetzten Bausteine an sich, wie etwa die Neukompositionen oder die Jazzstücke, hier mussten wir tätig werden und eine Fassung für die gemeinsame Probenarbeit entwickeln.

Lisa Was für Herausforderungen bringt so eine fachrichtungsübergreifende Kooperation mit sich?

Max Eisenacher Eine große Herausforderung bei so einem Projekt ist, dass sehr unterschiedliche Arbeitsweisen aufeinandertreffen. Für uns war es zum Beispiel Neuland, mit einem Jazzensemble und den Komponisten zusammenzuarbeiten. In der Inszenierungsarbeit ist das Mit- und Nebeneinander der verschiedenen Fachrichtungen sehr wertvoll: Sänger und Schauspieler stehen gemeinsam auf der Bühne und bilden ein Ensemble, in dem Sänger Sprechtexte übernehmen und Schauspieler auch singen. Es ist eine überraschend homogene Gruppe entstanden, die einfach Lust hat, miteinander zu spielen und sich auch in diesen anderen Bereichen auszuprobieren.

Max Enderle Bei einem nächsten Projekt wäre es dennoch schön, öfter mit allen gemeinsam proben zu können, um den Kollektivgedanken noch ein bisschen weiterzuspinnen.

Max Eisenacher Ja, das hätte weitere Türen geöffnet und zu einem noch größeren gemeinsamen Verständnis beigetragen.

Lisa Puccini hat ein großes Happy End für Turandot vorgesehen: Wie seid Ihr damit umgegangen?

Max Eisenacher Trotz all der Entwicklungen, die der Turandot-Stoff durchgemacht hat, endet jede Version mit der Hochzeit zwischen Turandot und dem Prinzen. Wie Turandot sich am Ende auf einmal mit dem Gedanken der Ehe, den sie so vehement abgelehnt hat, anfreunden kann, schien mir nie besonders nachvollziehbar.

Max Enderle Puccini kämpfte monatelang damit, die Verwandlung Turandots von einer »hartherzigen« zu einer liebenden Frau plausibel darzustellen. In unserer Inszenierung thematisieren wir Puccinis Sehnsucht nach einem glücklichen Finale, stellen dem aber ein offeneres Ende gegenüber. Wir haben das Gefühl, dass wir der Figur Turandot damit ein bisschen gerechter werden.

Rückblick: Zum Interview mit Kilian Verburg – Hier klicken

Und zum Interview mit Fojan Gharibnejad – Hier!

Auch spannend: Ein Innenhof-Gespräch mit Jan Friedrich Ramb

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