Turandot ~ Sand

„Turandot quält mich“ – Folge 3

Am Laptop tippe ich: „In Puccinis Oper singen die Minister: ‚Turandot existiert nicht‘. Wir können sagen: doch, sie existiert. Durch Noten, Gesang, Texte.“ Ein paar Stunden später sage ich diesen Satz durch ein Mikrofon bei der Einführung zur „Turandot.Kommentar“-Premiere in der Cafeteria, noch ein paar Minuten später flüstern wir alle „Toi Toi Toi“ durch die Flure hinter der Bühne, nur Momente danach wird die von Scheinwerfern fiebrig warme Black Box von den Musikern und Darstellern geentert, und bald darauf verhallt auch schon der Schlussapplaus. Zeit, einmal zu reflektieren: Das waren Wochen!

Allein aus Sicht der Dramaturgie: Diese spannenden Proben begleiten. Und so viel Tolles entdecken. Auch Kritik geben. Texte für Turandot schreiben. Texte über Turandot schreiben. Die Tische in der Cafeteria fürs Turandot-Speeddating zusammenrücken. Eine Materialmappe anfertigen. Schwarze Ballons aufblasen. Fotos machen. Plakate antackern. Interviews führen. Interviews transkribieren. Interviews sehr lange transkribieren. Brecht lesen. Schiller lesen. Brecht und Schiller lesen lassen. Glückskekse bestellen. Glückskekse heil an die HMT geliefert bekommen. Das Programmheft konzipieren. Texte für das Programmheft schreiben. Texte fürs Programmheft gegenlesen. Die Texte wirklich ganz genau gegenlesen. Lieber auch noch ein drittes Mal. Mikros anstöpseln. Nachgespräche planen. Viele Dinge durch die HMT tragen. Einen Blog einrichten und aktualisieren. Sich vornehmen viele Folgen für die Kolumne zu schreiben. Durch diesen tollen großen Strudel an Dingen sich vornehmen lieber am Ende dann doch ein paar große Blog-Artikel zu schreiben, und das heute angehen, und, und…

Ein Tag mit „Turandot.Kommentar“ beginnt zum Beispiel mit einer Vormittagsprobe. Heute auf dem Probenplan: die Komposition von Jan Friedrich Ramb. Young-June Lee, seinen Blick als Kalaf-Figur schwärmerisch in die Ferne gerichtet, singt die ersten Töne, bei den frühen Proben nur vom Klavier begleitet – „In diesen holden Augen…“ Dann stören die Minister seine Hingerissenheit zu Turandot, platzieren sich mit Stühlen auf der Bühne. Timingfragen werden geklärt, Haltungen. Wie genau machen wir das mit dem Übergang, wenn Annika Steinbach Kalaf in Starre verfallen lässt?

Am Mittag: Treffen der Dramaturgie. Die Gestaltung des Programmhefts wird besprochen. Wir falten und probieren: Wie viel Text soll es geben, wie viele Bilder? Wollen wir ein richtiges Heft binden oder soll es lieber ein großes Faltblatt sein? Wann muss es spätestens gesetzt und abgeschickt sein, damit es noch rechtzeitig in den Druck geht? Zwei Stunden fühlen sich wie ein paar Minuten an. Übermorgen treffen wir uns wieder!

Am Abend: Die große Rätselproben-Szene zwischen Turandot und Kalaf wird geprobt, in einem andern Raum parallel an den musikalischen Teilen geschliffen. Wenn die Regisseure Max Eisenacher und Max Enderle nach einem Probelauf der Szene „Danke!“ rufen, um ihr eine neue Färbung zu geben und mit den Schauspielern ihre Beobachtungen zu besprechen, kann die Produktionsassistentin Carlotta Rogge kurz ihren Stift niederlegen: Sie protokolliert alle Abläufe, Änderungen, Vorgänge mit. Und auf den Publikumsplätzen sitzen immer wieder neugierige Dramaturgen oder aufmerksame Professorinnen, die von außen auf diese Proben schauen – so entsteht ein beständiger großer Austausch.

Turandot ist wie Sand: Man kann Texte lesen zu Frauenbildern, zu Prinzessinen-Theorien, über Liebe und Puccinis Intentionen, aber Turandot zerrinnt einem zwischen den Fingern“, auch das habe ich bei der Einführung gesagt. Viele Monate lang haben wir DramaturgInnen uns mit Turandot beschäftigt, die Regisseure gar seit zwei Jahren, und die Stoffe um diese Figur sind faszinierend wie am ersten Tag. Zum Bühnenbild gehört eine Collage, auf der die Darsteller ‚zerstückelt‘ zu sehen sind: Ausschnitte von Gesicht, Augen, Haaren, Händen, Haut. Die Annäherung an die Materie und die Probenarbeit ist ein ständiges Kreisen um die Greifbarkeit und Ungreifbarkeit Turandots. Mit Turandot ist man nie ‚fertig‘. Turandot lässt einen nicht mehr los, hat man einmal einen Blick auf sie geworfen…

Christian Stolz

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