„Jetzt sind Idealisten wichtig“

Nach der letzten Vorstellung von „Turandot.Kommentar“ war für alle Beteiligten nach vielen intensiven Erlebnissen von Probenbeginn bis Generalprobe, von Premieren- bis Dernièrentaumel erst einmal Durchschnaufen angesagt. Nun, mit einer Atempause Abstand, ist die Zeit für Reflektion gekommen. Ein Gespräch mit Severin Böhm (Tenor), Lars Conrad (Bariton), Young-June Lee (Tenor) und Annika Steinbach (Sopran) unter dem Knistern der letzten „Turandot“-Glückskekse, die nun aufgebrochen werden.

Christian Die letzte Vorstellung von „Turandot.Kommentar“ ist jetzt ungefähr anderthalb Wochen her. Wie geht’s Euch? Und wenn Ihr zurückdenkt, kommt Euch da eine bestimmte Situation wieder in den Kopf, die Ihr mit der Probenphase verbindet?

Severin Diese „Olà, Pang! Olà, Pong!“-Puccini-Szene eigentlich. Die ist am markantesten für mich im Kopf … diese gelben Jacken, die bleiben im Gedächtnis hängen.

June Ich habe gute und schwierige Erfahrungen gemacht. Die Rolle Kalaf ist eigentlich nicht mein Fach, denn ich bin ein lyrischer Tenor. Für Kalaf benötigt man eine dramatische Stimme, viel Power. Ich wollte die Partie gerne lernen, jedoch ist es schwer, sie sich anzueignen. Im Endeffekt war dieser Prozess aber eine sehr gute Erfahrung. Und es war auch toll, die schweren Arien wie „Nessun Dorma“ oder „Non piangere Liù“ zu singen. Mit der Kombination der Rollen Kalaf und Pong hatte ich allerdings Probleme: Zwei Rollen in einer Oper zu verkörpern, das ist schon schwer. Denn wir waren die ganzen zwei Stunden über auf der Bühne. In der Oper kann man nach einer Arie manchmal abgehen, aber hier ging das nicht.

Lars Ich habe immer gerne an die Premierenfeier gedacht und auch an die Dernièrenfeier, wo alle zusammen waren und man mal ins Gespräch gekommen ist. Zum Beispiel über das, was wegen der intensiven Arbeitszeit und der schwierigen Koordination, um die ganzen Fachrichtungen unter einen Hut zu bringen, bis dahin nicht wirklich möglich war. Dort hat man sich dann mit den Komponisten genauer unterhalten oder mit den Jazzmusikern und mit den Schauspielern natürlich auch, was ich als eine große Bereicherung empfinde.

Annika Also eigentlich genau das, was vorgesehen war mit diesem Projekt, oder? Es geht mir nach einer Produktion eigentlich immer so, dass ich dann denke, dass ich mich dem Projekt jetzt gerne wieder zuwenden würde, es gerne noch einmal machen würde, weiter Aufführungen spielen würde, weil am Ende so eine schöne Spielfreude aufkam. Da kann man sich dann einfach drauf verlassen, dass der Abend läuft und man sich nicht mehr so konzentrieren muss. Das war hier vielleicht für uns Opernsänger, die wir eigentlich gewohnt sind, dass die Arbeit früher auf einem Stand ist, wo man sich darauf verlassen kann, dass es läuft, das Gefühl, dass man jetzt noch einmal auspacken und weitermachen möchte und richtig Lust hat, sich noch auszuprobieren. Am Ende war alles auf einem Stand, wo man sagen könnte: „Und jetzt mache ich es heute Abend nochmal ein bisschen anders, und wir probieren mal aus, wie das mit dem Publikum geht.“ Diese Spielfreude, die am Ende da war, die fand ich einfach ziemlich cool.

Severin Beim Singen hatte ich auch den Eindruck, dass die Aufführungen eigentlich quasi diese Proben für uns waren, wo wir bestimmte Sachen einfach ausprobiert haben, sodass man gewissermaßen eine Quintessenz fürs Spielen gefunden hat.

Christian Also wären mehr Vorstellungen eigentlich gut gewesen?

Annika Ich glaube, das ist eher grundsätzlich so, wenn eine Produktion zu Ende geht. Sowieso ist jede Vorstellung anders und hat eine andere Dynamik. Jedes Mal empfindet man es auch ein bisschen anders.

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Christian Wie und wann war eigentlich Euer erster Kontakt mit dem Turandot-Stoff im Zusammenhang mit diesem Projekt?

Annika Meine erste Reaktion war, dass ich mich gefreut habe, dass ich Liù darstellen darf. Und auch sofort darüber, dass das Projekt mit Schauspielern zusammen ist. Davon habe ich mir sehr viel erhofft, dass da auch für mich etwas dabei rausspringt. Das war im Oktober.

Severin Im Oktober habe ich auch zugesagt.

June Als ich mit einem der Regisseure, Max Enderle, telefoniert habe und ihm sagte: „Ich möchte das gerne machen, ich spiele den Kalaf“, sagte er mir, dass ich Kalaf und Pong spiele und singe. Da habe ich mich erst einmal gefragt: Wer ist Pong? Und mich gewundert: Pong und Kalaf zusammen spielen? Die Rollen und auch das Stimmfach sind ganz unterschiedlich. Ich musste dann noch darüber nachdenken, denn diese Charaktere kann ich nur schwer miteinander verbinden.

Christian Wenn Ihr Eure erste Annäherung an den Stoff mit der Perspektive vergleicht, die Ihr jetzt nach der Produktion darauf habt: Was hat sich verändert? Zum Beispiel in der Sicht auf Turandot, auf die Stoffgeschichte oder Eure Figur…

Severin Ich glaube, die Intensität der Beschäftigung mit dem Stoff hat sich verändert. Mit Annika waren wir in der Operninszenierung hier in Leipzig. Aber da kriegt man nur einen Blick von außen darauf und es ist auch nur eine bestimmte Art – eine traditionelle Art vielleicht auch – der Inszenierung, beziehungsweise des Stoffes, wie Puccini ihn gestaltet hat. In unserer Produktion ist es ja etwas völlig anderes gewesen. Man hatte den roten Faden nicht vorgegeben, sondern musste ihn sich irgendwie suchen.

Lars Vorher hatte ich mich nicht mit Turandot auseinandergesetzt. Ich hatte die Oper nie gesehen, kannte nur die Arien, die man halt kennt, aber ansonsten wusste ich nichts. Insofern war ich dem Stoff gegenüber sehr offen. Was mich besonders fasziniert hat, war diese Figur Turandot, an die sich Leute durch die Zeiten hindurch versuchen anzunähern. Es ist keine immer nur nacherzählte Geschichte, oder immer der gleiche Stoff. Vielleicht gehe ich jetzt, wenn ich mir die Oper demnächst hoffentlich einmal ansehen kann, mit einem breiteren Horizont da ran, als ich es vorher getan hätte.

Annika Das kann man aber auch übertragen, wenn man wieder eine andere Produktion macht: Dass man sich mit der Stoffgeschichte einfach noch intensiver auseinandersetzt. Das empfinde ich schon als Erfahrung, die man mitnimmt. Ich war in einem Turandot-Seminar von Euch Dramaturgen. Daher war mir im Grunde klar, was alles Teil der Produktion werden könnte. Dass dann noch modernere Texte dazugekommen sind, das wurde noch eine zusätzliche Ebene des Kommentars. Man geht vielleicht in Zukunft mit einem anderen Blick an seine Rolle heran, in dem Sinne, wie lange man sich mit ihr auseinandersetzt. Im Grunde findet man erst auf der Bühne und in den Vorstellungen wirklich zu seiner Rolle, in dem, was ich in dieser Sekunde empfinde und ihr in dem Moment verleihen möchte.

June Mit der Einarbeitung in den Stoff habe ich angefangen, als das Projekt begann. Betrachtet man nur Puccinis Oper, finde ich, dass die Figuren nicht so schwer zu greifen sind: Kalaf ist ein Prinz – Ping, Pang und Pong sind die Minister. Aber bei unserem Projekt waren die Figuren uneindeutiger,  und darum schwerer zu greifen. Wenn ich sonst in einer Oper singe und spiele, gibt es viele gute Situationen, um die emotionale Entwicklung einer Figur darzustellen, zum Beispiel, wenn man eine Arie präsentiert. Aber bei diesem Projekt war das kniffliger: Spannung halten mit den beiden Rollen und über die Schauspieler- und Jazzparts hinweg.

Nach dem Probenprozess verstehe ich die Figur Turandot ein bisschen besser. Turandot ist kein einfacher Mensch. Aber dieses Projekt hat mehr darüber erzählt, wie Turandot ist, warum sie so ist.

Christian Hat es in der Annäherung an Eure Arbeit und Eure Figur etwas verändert, dass Ihr wusstet, dass es ein interdisziplinäres Projekt zwischen vielen Fachrichtungen wird, und dass Ihr auf etwas treffen werdet, das vielleicht ungewohnt ist?

Lars Also ich war am Anfang erst einmal skeptisch, weil mir die organisatorischen Problematiken irgendwie bewusst waren, wenn man sieht, wie groß das ist, wie viele Fachrichtungen, wie viele Musiker damit beschäftigt sind. Ich fand aber, dass es sich gerade zum Ende hin sehr gut gefunden hat. Dann war der Umgang mit der Rolle wieder relativ klassisch.

Annika Stimmt. Ich habe mich sehr auf diesen direkten Austausch mit den Schauspielern gefreut, da kann man ganz viel lernen durch das Zusehen, darüber, wie sie über ihre Rollen sprechen. Zum Beispiel wenn sie dir Rückmeldungen geben wie: „Ich liebe das sehr, wenn Du das so und so machst…“, also dieses konkrete Reflektieren, das ständig gepflegt wird, was bei uns nicht so intensiv stattfindet.

Lars Ich finde, das muss auf jeden Fall weitergeführt werden, trotz des organisatorischen Mehraufwands. Vielleicht nicht in jedem Jahr, aber vielleicht alle zwei Jahre einmal so ein Projekt. Und dass man aus Problemen, die jetzt aufgetreten sind, eben lernt und die dann versucht zu vermeiden.

Annika Ich denke, das ist auch bei allen anderen Produktionen so. Und grundsätzlich steht doch im Vordergrund, dass wir junge Menschen sind, die motiviert sind, etwas Schönes auf die Bühne zu bringen. Wir wollen alle, dass das weiter geht. Und das müssen wir auf jeden Fall unterstützen.

Severin Ich stand diesem Projekt am Anfang auch skeptisch gegenüber, eben auch wegen der organisatorischen Sachen. Weil man selber viel für seine Sachen außerhalb der Hochschule planen muss und dann sehen muss, wie man das alles unter einen Hut kriegt. Was das Interdisziplinäre angeht, habe ich mich schon damals, als wir hier an der Hochschule angefangen haben, gefragt: Die Schauspieler sind in ihren Räumen, die Jazzer unten im Keller – warum ist das alles so separat? Ich mag Jazz sehr und war unheimlich gespannt, was bei der Zusammenarbeit herauskommt. Ich habe mich auch sehr darauf gefreut, mit den Schauspielern zu arbeiten.

Christian Gibt es irgendwelche konkreten Stationen oder Szenen, bei denen der Gewinn aus diesem Projekt für Euch besonders stark war? Oder wo man auch erst einmal auf Widerstände gestoßen ist?

Annika Zum Beispiel hat Fojan Gharibnejads oder Kilian Verburgs Komposition den Leuten unglaublich gut gefallen, das war die Rückmeldung vom Publikum, und dass man das noch mehr auf die Bühne hätte bringen können. Das war ja auch so angelegt. Das hat extrem gut gefallen und sehr viel Spaß gemacht.

Lars Ich fand die Szenen, die wir mit den Schauspielern zusammen hatten, spannend, zum Beispiel die erste Ministerszene, da fand ich die Arbeit mit Paul so erfrischend. Das hat uns wirklich herausgefordert. Also nicht nur zuständlich, sondern aktiv zu sein. Das war schon beim ersten Mal, als Paul mit uns auf der Bühne war, gewinnbringend. Auch die Schauspieler zu beobachten fand ich super…

Annika … weil sie allein dadurch, dass sie da sind, schon etwas senden!

Lars Und vice versa das Fojan Gharibnejad-Stück: die Schauspielerin Edda hat das so unglaublich musikalisch gestaltet! Ich finde, so muss neue Musik sein. In ganz vielen Stücken wird ja von Sängern verlangt, so ausdrucksstark zu sein, so schnell den Ausdruck zu wechseln. Und bei ihr wird es ganz organisch, ganz natürlich, ganz großartig, und zur Musik passend. Das war auch so ein Moment, wo ich gedacht habe: Großartig!

Annika Und dann in dieser Kombination das Nebeneinander von Gesang und Schauspiel zu erleben! Auch die Publikumsrückmeldungen sind so unterschiedlich, das habe ich noch nie erlebt. Das ist doch interessant und ein gutes Ergebnis eines Projektes, in dem so viel zusammenkommt, dass Leute so verschieden anzurühren sind und Verschiedenes brauchen. Die einen finden es gut, dass man immer etwas zum Sehen, immer etwas zum Hören hat, immer ein Erlebnis. Andere finden es zu viel auf einmal, weil sie vielleicht alles durchdringen wollen. Andere wiederum wollen noch mehr Bühnenaktion.

June Ich finde auch, dass die Szenen gemeinsam mit den Schauspielern toll waren. Auch die Textparts von Euch mit den Schauspielern waren super! Und bei den Neukompositionen hat mich das Stück von Fojan sehr beeindruckt. Diese Besetzung mit den Musikern, einer Schauspielerin und einer Sängerin war schön. Da haben sich Elemente von moderner Oper und Schauspiel vor allem auch mit den Jazzern zusammen gut gemischt.

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Christian Ihr hattet ja die Puccini-Teile zu singen, die Schauspielteile zu spielen, die zeitgenössischen Kompositionen zu interpretieren – das muss man auch erst einmal bewerkstelligen…

Annika Ich fand diesen Switch manchmal schon extrem. Normalerweise rollt so eine Oper durch, man ist die ganze Zeit nur mit Musik eingelullt und irgendwie in einer Spur, kann auch zwischendurch mal einen Schluck Wasser nehmen, wenn man gerade nicht auf der Szene ist. Das ist ja bei unserem Projekt der nächste Punkt: immer auf der Bühne sein, ein bisschen schauspielern und dann nach einem Akkord mit einer Arie von Puccini loslegen – das war eine neue Herausforderung, da sofort das richtige Gefühl fürs Singen wieder abzurufen. Und bei den modernen Kompositionen verausgabt man sich ganz anderweitig. Da habe ich für mich viel entdeckt, wo eine Grenze ist oder wie ich das stimmtechnisch behandeln muss. Ich würde es immer wieder machen, aber es war eine Herausforderung.

Severin Ich fand es auch gut, dass so viele Texte in der Fassung waren, denn auch wir haben das Fach Bühnensprechen und man muss die ganzen Skills dann ja auch mal nutzen können. Wir sind ja nicht nur Sänger, wir sind auch Schauspieler, das gehört zum Beruf mit dazu.

Christian Könnt Ihr, vor allem im Hinblick auf die Schauspielteile, ein wenig konkretisieren, wie sich die Arbeit mit den Schauspielern gegenseitig bedingt hat? Hat sich das direkt darauf ausgewirkt, wie Ihr Euch künftig Textpassagen annähert?

Lars Was mich sehr beeindruckt hat, war die Direktheit, mit der die Schauspieler die Sachen gesetzt haben. Das war sehr inspirierend. Gerade auch die Schiller-Passagen: Ich finde, sie haben das gut geschafft, sich den Text anzueignen. Insofern ist die Vorstellung von Sprache auf der Bühne bei mir schon konkreter geworden. Ich versuche jetzt, weniger zu tönen, auch wenn ich spreche, sondern etwas zu meinen.

Annika Ganz genau. Interessant war auch der Prozess, dass man mit einer Spielfreude drangeht und die Dinge mal in die eine oder andere Richtung überzieht, und darüber ein Gespür dafür entwickelt, was man da macht. Und nicht nur versucht, irgendetwas darzustellen, wovon man sich in seinem Kopf vorstellt, was am Ende dabei herumkommen muss, sondern aus dem, was man ausprobiert, abzuleiten, was das Richtige ist. Das nehme ich als Resümee mit: Wenn man die Kanäle aufmacht, dann kriegt man über dieses ‚Senden’ von den Schauspielern viele Impulse und kann intuitiv darauf reagieren. Wenn ich einen kurzen Wortwechsel mit dem Schauspieler Paul hatte, war das schon etwas anderes, als wenn ich mit einem Sängerkollegen im Dialog gesprochen hätte.

Severin An einem Abend bin ich länger geblieben und habe mir angeschaut, wie die Schauspieler an ihren Texten gearbeitet haben. Die haben noch drei Stunden geprobt und das genau ausgearbeitet. Man hatte dadurch einen direkten Einblick, wie ihre Schauspieldozentin mit ihnen arbeitet. Man macht sich ja bei so einem Prozess immer selbst Gedanken: Wie würde ich jetzt den Vorgang gestalten? Bei diesem Projekt war es möglich, andere Eindrücke zu gewinnen.

June Von Annika habe ich viel gelernt. Sie musste so viele unterschiedliche Rollen spielen und Stücke singen: Die neue Musik, dann eine Liù-Arie, und dann plötzlich wieder eine Neukomposition, sofort danach einen Text sprechen. Sie hat das wirklich gut geschafft.

Christian Ihr habt ja wahrscheinlich viele Rückmeldungen bekommen, auch zu dem Abend insgesamt. Wurde da ein Aspekt besonders oft genannt, sich an etwas besonders stark erinnert?

Annika Im Positiven, dass so viele beteiligt waren, dass wir das mal gewagt haben, und dass dabei etwas herausgekommen ist, das gefallen hat.

Lars Ich fand die Fülle an Rückmeldungen sehr spannend. Persönlich war für mich sehr schön, dass es meinen Eltern sehr gut gefallen hat. Zeitgenössisches Theater, was dieser Abend doch auch war, war eine Premiere für sie. Und ein guter Freund von mir sagte, es wäre mit das Interessanteste, was er in der letzten Zeit hier an der Hochschule gesehen hat. Das Projekt und was dadurch entstanden ist, dass es eben keine klassische Oper war, sondern etwas Neues. Eine neue Form der Stoffbetrachtung.

Severin Mein Vater, der die klassische Oper mag, hat mich sehr beeindruckt, als er sagte: „Es ist schön, dass nicht immer die gängigen Opern gespielt werden, sondern dass es ein Projekt gibt, das mal frischen Wind reinbringt.“

Lars Besonders stolz bin ich eigentlich auf die Rückmeldung von Schauspielstudenten, die in Bezug auf uns Opernsänger sehr positiv ausfielen. Schauspieler haben anscheinend doch starke Vorbehalte gegenüber uns Sängern, im Sinne von: Die stehen halt da und singen und tun so, als würden sie schauspielern. Was natürlich auch leider gar nicht so selten stimmt …

Annika Aber das Singen allein hat ja auch Wirkung …

Lars Das fand ich eben sehr schön, dass die Leute das gemerkt haben. Und dass wir schon auch spielen können. Es hat eben eine andere Qualität. Ich habe zum Beispiel einen Schauspiel-Kommilitonen in der ersten Reihe gesehen, der sich bei jeder von Annikas Arien die Seele aus dem Leib geheult hat. Der ist wirklich zerflossen … Das fand ich sehr schön, dass Horizonte geöffnet worden sind.

Severin Es wird oft gesagt: „Ich war noch nie in der Oper.“ Für uns ist es ja eher normal, dass wir auch mal ins Schauspiel gehen, aber andersherum ist es gar nicht so gängig. Das Schöne an so einem interdisziplinären Projekt ist, dass es tatsächlich auch die Studenten zu einer größeren Bandbreite von Kultur erzieht.

Annika Und vor allen Dingen die Wirkung auf die eigene Arbeit! Wenn man ein Jazzstück zwischendurch hört, ist die Energie, die dann im Raum ist, und mit der man in die nächste Szene einsteigt, einfach eine andere.

June Ich hatte am Anfang bei den Proben an der Neukomposition von Jan Friedrich Ramb noch wenig Gefühl dafür, wie ich singe, wie meine Stimme sich anhört, welche Emotionen rüberkommen. Aber viele Leute haben mir gesagt, dass neue Musik gut zu mir passt. Und dass es emotional eine gute Wirkung hatte. Es war am Ende ein positiveres Ergebnis, als ich gedacht hätte.

Christian Ist denn der Abend inhaltlich so geworden wie Ihr Euch das am Anfang mal vorgestellt habt? Oder hattet Ihr gar keine konkreten Vorstellungen?

Severin Ich kannte zwar schon die Puccini-Sachen, aber ich hatte keine Vorstellung, wie das dann mit den Schauspielern zusammen wird, dass Paul dann quasi seine Texte in unsere Ministerszenen reinspricht und so weiter.

Annika Ich habe mich auch erst einmal gerne vertrauensvoll überlassen. Aber mir war beim Titel „Turandot.Kommentar“ schon klar, dass sich dieser Stoff aus verschiedenen Quellen speist und dass es vielleicht anspruchsvoll werden könnte zum Zuhören. Und das Wort „Kommentar“ kann man auch sehr verschieden auslegen. Hier wurde durch die anderen Texte und Kompositionen und die Zusammenstellung von allem kommentiert. Es gab allerdings nicht einen Kommentar, den man wortwörtlich abrufen kann.

Severin Was mir im Nachhinein wahnsinnig gut gefallen hat, ist, dass alle Dramaturgen so viel daran gearbeitet haben. Diese ganzen Werbeaktionen, die Poster, die Flyer, die Veranstaltungen, die Einführungen, die Website…

Annika …die Glückskekse!

Severin Und dann auch diese Kooperation mit den Schauspielstudenten aus dem ersten Semester im Rahmenprogramm. Ich glaube, es gab noch keine Opernproduktion an dieser Hochschule, die so viel Promotion hatte.

Lars Es hat sich auch gelohnt. Wenn ich sehe, wie viele Leute bei der letzten Vorstellung nach Hause gehen mussten, ohne eine Karte zu bekommen…

Severin Ich habe mir auch nicht vorgestellt, dass es jedes Mal so voll wird. Das macht schon ein gutes Gefühl.

June Ich hatte im Vorhinein auch gedacht, dass die unterschiedlichen Disziplinen an dem Abend nebeneinanderstehen: erst ein Jazz-Part, dann Oper, dann Schauspiel. Dass alles sich so zusammenfügt und alle immer auf der Bühne sind, hatte ich nicht als Bild im Kopf. Aus dem Publikum kam die Rückmeldung, dass das alles gut verbunden wurde, für mich gab es aber auch noch einige Fragezeichen. Die emotionalen Brücken selber zu finden, das war schon schwer.

Annika Vielleicht hätten wir als Darsteller-Persönlichkeiten auch noch mehr unsere eigenen Kommentare zu Turandot entwickeln können. Es wäre vielleicht auch interessant gewesen, mit unserer persönlichen Haltung dazu zu arbeiten, wenn die Zeit da gewesen wäre. Und nicht nur mit den Kommentaren aus der Stoffgeschichte.

Severin Ich muss sagen: Bis ich das gefunden hatte, was ich eigentlich wollte, also die Haltungen gefunden hatte, das brauchte bis zum Ende der Proben. Zur Premiere hatte ich zum ersten Mal das Gefühl, dass sich so ein roter Faden durch das Stück zieht.

Lars Das ist glaube ich immer so. Bei der „Kommilitonen“-Produktion war es bei mir genauso: Dass man in der Premiere auch noch einmal sich selbst ganz anders wahrnimmt und eine eigene Haltung dazu einnimmt.

Severin Was auch ein interessanter Punkt war: Dadurch, dass man fürs Publikum quasi immer wieder verschiedene Rollen einnimmt, war die Frage wichtig, wo mein eigener roter Faden ist, über den ich dann immer wieder einen Anknüpfungspunkt zu den anderen finde. Diesen Faden brauchte man, um das als Figur durchzuspielen, denn auf der Bühne wechselten wir ja trotzdem dauernd die Rollen.

Christian Könnt Ihr noch einmal konkret festmachen, wo sich das Interdisziplinäre im Projekt eingelöst hat? Oder wo es konkret geworden ist?

Lars Bei mir hat sich das vor allem darin manifestiert, dass ich als Künstler gefordert war und nicht nur als Sänger. Das sollte es viel öfter geben. Wie oft liefern Sänger nur Stimmpornos ab, aber man merkt: Es steht weder ein Musiker und erst recht kein Künstler dahinter. Das war hier anders. Und es hat sich auf sozialer Ebene eingelöst: Man hat sehr viele Leute kennengelernt, viele neue Freunde gefunden.

Severin Man erweitert sein Netzwerk extrem.

Annika Es wäre mir ganz wichtig, dass mit solchen Projekten weitergemacht wird. In welcher Konstellation auch immer. Denn wir sind hier in einer Ausbildungsstätte, hier kann man das noch pflegen. Auch an den Theaterhäusern gibt es Tendenzen, die Disziplinen miteinander zu verbinden, das sollte man verstärken.

Lars Ich zitiere mit Christian Gerhaher gerne ein großes Vorbild von mir: „Das Studium ist kein vorgezogenes Praktikum.“ Es geht darum, dass man sich hier ausprobiert. Mit dem, was man hier lernt…

Annika …und erlebt! Das können wir nach außen transportieren… Wenn wir nur versuchen, etwas zu erfüllen, kommen wir dem sowieso nicht hinterher, sondern es geht wirklich darum, dass wir etwas ausleben.

Lars Und dass wir uns daran entwickeln, als Mensch, als Sänger und als Künstler.

Severin Das Interessante an der Arbeit mit den beiden Regisseuren war für mich auch, dass sie dir zwar bestimmte Sachen an die Hand gegeben haben, aber du hattest immer die Aufgabe, die Dinge für dich selber kreativ weiterzuentwickeln. Auf diese Art von Regie triffst du überall. Du kannst dich nicht darauf verlassen, dass dir jedes Mal jemand alles vorkaut, was du machen musst. Das ist das Schöne an dem Projekt gewesen, dass man auch wirklich seinen Kopf benutzt, Ideen entwickelt. Sich Gedanken darüber macht: Was ist meine Figur?

June Ich hätte Lust darauf, wieder einmal so ein Projekt zu machen. Aber wir hatten zu wenig Zeit. Mit mehr Probenzeit könnte man noch besser reagieren, mehr Details ausspielen, das gute Teamgefühl noch besser aufbauen – manchmal konnte man nicht viel über solche Dinge nachdenken.

Christian Ich hatte bei diesem Projekt schon den Eindruck, dass man da nicht nur erprobt oder lernt, wie es später am Theater sein wird, sondern dass man damit auch einen komplett neuen Raum und Rahmen hat, oder?

Annika Daran habe ich nie so konkret gedacht, weil ich immer das mache und anbiete, was ich für richtig halte. Und nicht Copy und Paste, ‚was läuft an Theatern?’, was müssen wir hier unbedingt lernen… In diese Mühle kommt man sowieso schnell genug.

Lars Ich glaube, jetzt sind Idealisten wichtig, in welcher Fachrichtung auch immer, die das weiterhin anstoßen und bereit sind, dafür ein Jahr ihres Studiums zu verwenden. Ich hoffe, dass es diese Leute auch in Zukunft gibt.

Copyright Fotos: Jörg Singer

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